Margit Krismer

Komm in meinen Garten

Einem üppigen grafischen Garten gleicht derzeit die Remise in Bludenz, wo eine Margit-Krismer-Schau stattfindet. Die Meiningerin hat sich die fernöstliche Technik des Malens mit Tusche in allen Verdichtungen auf verschiedenen Papieren verschiedenster Formate zu eigen gemacht, manchmal in Verbindung mit anderen Elementen wie Öl oder sparsamen Farbstrichen. In der Auseinandersetzung mit Johannes vom Kreuz oder Teresa von Avila oder neuer Dichtung ist von ihrer Hand ein Kosmos von großer Schönheit und Sinnlichkeit entstanden.

In den letzten Jahren beschäftigt sich Margit Krismer vor allem mit dem „Lied der Lieder“: diese kleine, mehr als zweieinhalb Jahrtausende alte Sammlung von Liebesdialogen, steht in der Mitte der Bibel und im Mittelpunkt der jüdischen Pessachliturgie. Sie ist so oft und so verschieden gedeutet worden wie kaum ein Text der Weltliteratur. Manche Interpreten betonen den theologischen Aspekt, andere sehen in der gefeierten Liebe primär die Vervollkommnung des Ichs durch die Beziehung auf ein du, wieder andere lesen es als ein Meisterwerk der Erotik und Sinnlichkeit.

Wie auch immer: Die Klarinettistin Sandra Schmid hat reiche Erfahrung mit alter und neuer Musik zum Thema „Liebe“ – und sie kennt das Werk Margit Krismers. Sie improvisiert zum Abschluss der bemerkenswerten Ausstellung der Vorarlberger Künstlerin auf der Klarinette, und Willibald Feinig liest Abschnitte aus dem Original und aus seiner Neuübertragung des „Lieds der Lieder“. Die Quelle soll zum Fließen kommen, aus der die Bilder Margit Krismers geschöpft sind. (Willibald Feinig: Finissage zur Ausstellung Margit Krismer)


… AusZeit

Der schnelle Strich der flüssigen Tusche gierig aufgesogen vom Papier -
eine Momentaufnahme, ein Sekundenblitz -
das geduldige Auftragen der Lasuren, die ineinander verfließen, das gleichförmige Reißen von Papier,

tausende Zeitaufnahmen aus einem Monat

komprimiert als Fundament,

auf dem fragile flüchtige Bahnen gezogen werden, das Bannen der Zeit mittels undurchlässigen Bienenwachses – feste Form und flüssiger Geruch –

all dies sind Manifestationen von Zeit, die Margit Krismer in ihren Werken auf Papier, Holz und Leinwand festhält.

„Es ist Zeit, daß man weiß!“

Zeit, das ist Lebenszeit, genutzte und vertane Zeit,

zähflüssiger Einheitsbrei oder in den Händen zerrinnende Zeit, Zeitzonen des Lebens und Schaffens,

Momente, die außerhalb der Zeit stehen, und ewige Kreisläufe, die gezogen werden.

„Es ist Zeit, daß es Zeit wird!“

Da gibt es Türen, die sich unerwartet in Augenblicke öffnen, und

solche, die zugemauert erscheinen und

mühevoll abgetragen werden müssen, um einen Fensterblick in andere Räume zu erfahren.

Zeiträume – Räume für die Zeit.

„Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt.“

Über die eigene Lebenszeit hinweg werden die zeitgebundenen Erfahrungen anderer wichtig. Es sind nicht die Zeitgenossen, vielmehr aus der Zeit entrückte Erinnerungen an Augenblicke, die in Sprache gegossen zu Bildern werden, die aus der Vergangenheit wieder aufflackern,

sich mit der eigenen Gegenwart verbinden.

Aus dem Dunkel wird Licht und dieses fließt wieder in das Schwarz, das alles verschluckt.

„Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehen: die Zeit kehrt zurück in die Schale.“

Bahnen, Kreise, Spuren, Furchen, die der Pinsel zieht.

Er wirft auf und streicht glatt, macht manifest und verdeckt, ephemer und fragil oder plastisch, robust und scheinbar die Zeiten überdauernd.

Die Zeit hinterlässt ihre eigenen Spuren, reißt Oberflächen wieder auf und
schafft Zugang zu längst verdeckten Schichten. Kreisläufe. „Es ist Zeit.“

 

AusZeit …

 

Barbara Winkler


Der Garten, den ich in mir trage

Dunkel, aber keineswegs düster, steckt für die Malerin Margit Krismer Farbiges hinter dem Schwarzen.

Mit Schwarz bringt die Malerin Margit Krismer Blumen, Sterne und Farben in die Galerie allerArt.

 

BLUDENZ. (ag) Kein übergreifendes Thema, sondern das Einlösen von offenen Zusagen überschreibt das zehnte und letzte Ausstellungsjahr von Alfred Graf als Kurator der Galerie allerArt in der Bludenzer Remise. Den Auftakt macht mit der Vorarlberger Malerin Margit Krismer eine künstlerische Position, die im Land ebenso eigenständig wie singulär für sich steht, und im Ausstellungsbetrieb selten anzutreffen ist.

 

Die Welt ist bunt

Margit Krismer ist eine Frühaufsteherin. Aus der Stille und der Meditation zu Tagesanbruch, aus dem Augenblick und der jeweiligen Stimmung heraus, fließen jeden Morgen kleinformatige Tuschmalereien. Signiert, datiert, manchmal sogar mit der Uhrzeit versehen, fast tagebuchartig angelegt, kommt die Künstlerin in diesen Blättern, die ihr sehr wichtig und eine Art Barometer für sie sind, zu sich selbst. Margit Krismers Arbeiten, die sich im Kontext ihres über die Jahre konsequent vorangetriebenen Werks intensiv mit Philosophie, Religion und Literatur auseinandersetzt, entstehen fast im Verborgenen. In reduzierter Formensprache machen sie Prozesse des Lebens sichtbar, thematisieren das Flüchtige und Vergängliche, aber auch Verbindendes und Bewahrendes. „Wir haben ein eingeschränktes Blickfeld auf die Wirklichkeit“, sagt Margit Krismer und verweist auf die Diskrepanz zwischen dem, was man in sich trägt, und dem Geschauten: „Das Meiste ist verdeckt und verzerrt oder dunkel.“ Aber das Äußerliche ist nicht alles, die Welt ist bunter, voller Leben und Bewegung: „Es ist wie ein Garten, den ich in mir trage.“ Hinter dem Offensichtlichen, Vordergründigen drückt sich eine andere, weitere Ebene durch, ähnlich der Farbe und der Struktur einer rückseitig hinter Glas beleuchteten Arbeit, für die das Blatt mit Öl behandelt wurde und dadurch transparent erscheint. So hat sich die Künstlerin vor nunmehr fast 20 Jahren vom Bunten und den Farben abgewandt. Zurückgenommen auf die Eigenfarbigkeit der Materialien, dominiert in der Kunst von Margit Krismer seither die Farbe Schwarz, als Tusche, selbstgemischte Eitempera, wie ein Spiegel oder als matte Fläche.

 

Verdichtetes Leben

Dunkel, aber keineswegs düster, stecken für die Malerin hinter dem Schwarz auch Rot und Blau. Wozu also noch als Pigment auf die Leinwand oder aufs Papier bringen? Das Eigenleben, das den Dingen innewohnt, spielt für Krismer auch in der Verwendung von Papiermaché eine Rolle. Im Papiermaché, das sie aus Zeitungen herstellt, gerinnen die enthaltenen Buchstaben, Wörter und Schicksale zu verdichtetem Leben. „Es ist alles enthalten“, sagt Margit Krismer schlicht, die über Texte und Gedichte von Georg Trakl oder Paul Celan, zu dem sie eine Seelenverwandtschaft spürt, meditiert oder sich anleiten lässt vom alttestamentarischen Hohelied, als Sammlung von Liebesgedichten, das sie seit über 20 Jahren nicht loslässt und auch die aktuell in Bludenz präsentierten Arbeiten inspiriert hat. Auf der Basis dieser bildhaften Sprache und Gedichte, die Margit Krismer längst verinnerlicht hat, entstehen dynamische Kompositionen, die Bewegung und Leben, Werden und Vergehen symbolisieren. Gestisch-abstrakt, an fernöstliche Bild- und Schriftzeichen erinnernd, finden sich aber auch Anklänge an die Natur in den Werken. „Nachtbilder“, „Hinter die Welt“ oder „Blumen und Sterne“ sind die Arbeiten betitelt, letztere als Serie von drei Papierbahnen, die Annäherung von unten nach oben und umgekehrt verheißen. Paradiesgärten, „Blumen und Sterne“, im Schwarz ein Bunt, ist ein poetisches Zusammentreffen im Garten der Malerin und ein spannender Einstieg in ein Ausstellungsjahr, das getrost so weitergehen kann. (Ariane Grabher)

15. Januar 2016


Pintura mistica oder Angewandtes Informel oder Täglich gärtnern im Garten der Seele

Margit Krismers Bilder zu Teresa von Avila (Vida 11-23)

Von Willibald Feinig

 

„Mystik“ – ein Wort, bei dem man die Ohren spitzt, ein Wort, das Verdacht erregt. Mystik, das ist Geheimnis, das sind Mysterien, die Einführung brauchen, nix für jedermann, so scheint es – wir haben demokratische Vorbehalte.
Mystik, das ist das Sagen des Unsagbaren, der Umgang mit der Transzendenz – wir haben rationale Vorbehalte.
Und selbst wenn man mit Kirche und Religion vertraut ist, fällt einem die massive Warnung des Apostels Paulus ein (ohne den keiner von den hier Anwesenden sich einen „Christen“ nennen könnte): Lieber ein Wort mit Verstand als tausend verzückte, mystische.
Sagt Paulus.
Mystik? Das Beste dran wäre also das Wieder-Landen auf festem Boden?

Oder braucht es „Mystik“ doch?
“Warum entstand zu Beginn des Erdzeitalters Kambrium vor 542 Millionen Jahren eine derartige Vielfalt neuer Lebensformen? Geschah dies nach einem göttlichen Plan oder passten einfach nur Klima, Umweltbedingungen … zusammen?“ (SN 2.12.05) Was für ein Bild vom lebendigen Gott muss einer haben, wenn er vom „göttlichen Design“ reden kann, wie es in diesen Monaten (und nicht nur durch Journalisten, nicht nur jenseits des großen Wassers) geschieht? Fehlt da nicht die Glut, die Erfahrung? Braucht es nicht – Gotteserfahrung? Mystik.
Und was heißt es, wenn Wittgenstein in seinem Tagebuch in Geheimschrift notiert, 21.5.16: „Gott macht aus mir einen besseren Menschen.“ Und was heißt der bekannte Satz aus dem Tractatus, 6.522., in der Programmschrift des Neopositivismus: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich. Es ist das Mystische.“ Wittgenstein hat immer wieder davon erzählt, wie ihm dieser Satz klar geworden ist. Es war im Theater (Anzengruber!) – ein Knecht in seinem Elend, dem auf einen Schlag einleuchtet Nichts kann mich erschüttern. Da hat ein Menschen-Ich sein ewiges, wirkliches Du gefunden (würde ich es ausdrücken), die Urerfahrung der „Religion“ gemacht(wie das Philosophie und Theologie und Niklaus Luhmann nennen). Niemand kann sich diese Erfahrung selbst geben. Aber es gibt sie. Aber ich kann mich danach sehnen. Aber ich kann und muss damit umgehen.

Margit Krismer aus Meiningen ist mit ihren künstlerischen Anlagen und als für eine Christengemeinde Mitverantwortliche auf eine Frau gestoßen, die – im 16. Jahrhundert des Heils, in einem Wendejahrhundert, in Spanien, im Kloster, mitten unter mehr oder weniger bequem lebenden, reichen, emanzipierten Adeligen, die auch Nonnen waren, daran verzweifelte und auf den Tod erkrankte, dass sie ein Leben ohne Gotteserfahrung, ohne „Freiheit des Geistes“ (Geist = Seele = Gottesliebe, für sie) führen sollte. Wie kann ich Gott erfahren? Auf diese Frage hat Teresa Antwort wollen, sie konnte nicht anders, in der kastillianischen Festungsstadt Avila (wo die Apsis der Kathedrale zugleich ein Turm der Stadtmauer ist), ein paar 100 Meter neben den Scheiterhaufen der Inquisition.
Und Margit Krismer hat auf die Begegnung mit der Mystikerin Teresa de Avila (1515 – 1582) reagiert und reagiert bis heute darauf. Sie versucht ihr gerecht zu werden. Deswegen sind wir hier.
Wir haben – von Brigitte Walk mit dem nötigen, höchst dringenden understatement gelesen – Ausschnitte aus dem Text gehört, auf den die Bilder bezogen sind, die wir im Saumarkt um uns haben. Merkwürdig, dass dieser Text einen Teil, die Kapitel 11 - 23, der Vida der Teresa de Jesús, vulgo de Cepeda y Ahumada, der Enkelin eines konvertierten Juden, bildet: Sie hat sich um die Form nie gekümmert, schrieb nur auf Wunsch und Befehl – und wartete auf Eingebung. Es handelt sich bei diesem überdimensionierten Einschub um nichts anderes als um eine Einführung in das Gebet (= Meditation = Gottesliebe, für sie, die Spitzfindigkeiten seien den Theologen überlassen), wir haben es gehört, im Rahmen eines Bildes, eines entwickelten Gleichnisses von einem Garten. Ein Garten, soll er Freude machen, braucht Wasser, so oder so.
Man soll sich nicht täuschen lassen. Es ist keine sehr „schöne“, es ist eine in ihrem Realismus erschütternde Einführung in das Gebet. Der Text handelt z. B. davon, wie es sich anfühlt, wenn Gott nicht antwortet auf das Schreien meiner Seele (auch das ist, sagt Teresa, die allen Zeugnissen nach eine schöne und schlagfertige Frau war, zu meinem Besten – so lerne ich Warten, Beschenktwerden. Denn die Gotteserfahrung kann sich niemand selbst geben.) Es handelt auch davon, dass die Ekstase, die unio mystica, die Vereinigung mit dem lebendigen Gott, mit dem Gott Abrahams, Jitzchaks und Jaakobs (aber das durfte sie nicht denken und noch weniger sagen in der Nähe der Scheiterhaufen, höchstens – als Karmeliterin – der Gott Elijas und Elischas war ihr erlaubt) ein Schmerz ist, etwas wenig Erbauliches, von dem allerdings niemand mehr lässt, der einmal davon gekostet hat.
L’edificio todo va fundado en humilidad, die ganze Meditation = Gebet = Gottesbegegung ist aufgebaut auf Demut. Immer wieder kommt das oft so missbrauchte, vielen Frauen inzwischen zu Recht verhasste Wort „Demut“ im ‚Garten’ vor.
Was heißt „Demut“ bei dieser Frau, die eine große, eine genaue Autorin ist, gerade weil sie es nicht sein will und trotz ihres schweren Themas? „Die Demut hat diese Eigenschaft, dass keine der Handlungen, die sie begleitet, einen bitteren Beigeschmack hinterlässt.“ (Vida, XII, Ed. Aguilar 1942, 43)
Teresa behandelt auch den Unterschied Mann-Frau im Seelischen = Spirituellen = Geistigen. Ihr, heißt es da einmal im Rahmen des Gartengleichnisses, fällt das Bibelstudium, die Auseinandersetzung mit dem beispielhaften Leben Jesu unendlich schwer. Die Freude seiner Gegenwart dagegen kostet sie voll aus. Und die Gelehrten, die das mühselige Bibel-Lesen womöglich mit Wörterbuch gar nicht stört, denen alles verlorene Zeit scheint, was nicht Denken ist – die fragt sie, ob sie überhaupt imstande sind, sich eine Sekunde Zeit zu nehmen und zu genießen, dass Jesus DA ist (nicht anders bedeutet ja die Trinität, bei Gott) …

Wie reagiert Margit Krismer auf dieses Dokument der Mystik, der Gotteserfahrung, auf die sich jeder einlassen, und die sich keiner selbst nehmen kann, auf das Unsagbare, das im Mittelteil der Vida der Teresa de Jesus umkreist wird, sehr präzise, geradezu methodisch (wenn auch nicht so wie im späteren Castillo interior o Las moradas)? Welche Antwort gibt sie?
Jeden Tag, als geübte Künstlerin, jedenfalls eine Antwort mit Tusche, Feder oder Pinsel und Papier (manchmal kommt Eitempera und sogar ein bisschen Farbe dazu).
Also mit asiatischen Mitteln. Nicht wie Bernini, der die arme Teresa ins Erotische verdreht hat, man muss es ihm verzeihen, wir sind in Rom, es ist Barockzeit und er ist ein Mann (es gibt auch andere Männer, Teresas Freund Juan de la Cruz OCD z. B., zu dem im 1. Stock ein paar Bilder zu sehen sind).
Tusche heißt auf französisch encre de Chine, chinesische Tinte. Sie wird vor jedem Malakt neu gerieben (U. Pramstaller). Die Kunst Ostasiens, soweit das ein Nichtfachmann sagen kann, besteht u. a. darin, Gesehenes zum Zeichen zu machen, Momenten Bedeutung zu geben, sie zu verewigen in gezielter, lang praktizierter Bewegung. Wie eine Schrift. (Jede Schrift war einmal Zeichnung.) Das Plätschern des Vogels, der im Brunnen badet, die Biegung des Schilfs und die Mücke darauf, den Stein in seiner in Jahrtausenden gewordenen Form, jetzt, den Stein der Weisen …
Etwas Ähnliches tut Margit. Erfahrungen zum Zeichen machen. Tagtäglich, nulla dies sine linea.
Man könnte aber auch sagen, sie bedient sich der inzwischen schon klassisch-zeitgenössischen Vorgangsweise des Tachismus = Informell usw., die den Fleck, den Strich, das Material, die Farbe und den Farbkontrast von aller Abbildungsfunktion befreit haben. Radikale Abstraktion: sie stehen nur für sich selbst, sind. Sie erlauben als solche Erfahrung, Sehen, Wahrnehmen, bleiben aber sinnlich (was Kunst immer muss), lassen den Sinn der Wahrnehmung merken.
Ist Informel nicht längst etwas Steriles? Nicht hier. Denn bei Krismer bekommt das Informel wieder Verweischarakter. Es wird angewandt: L’edificio todo va fundado en humilidad. Diese Tuscheblätter wollen keinen Spezialanspruch stellen, wollen mehr als Kunst sein. Sie verweisen: Jeden Tag eine Zeichnung der Gärtnerin im Garten der Seele, im huerto de l’alma. Die Blätter sind Erinnerungen und Echo der Innerlichkeit. Kunst, die nicht um sich selbst besorgt ist, die der Erfahrung dient.


Da ist Wachsendes und Wildes. Geregeltes und Sich-Sträubendes (die eigene Vergangenheit z. B., sagt Teresa). Und da ist die entsetzliche Leere des Brunnens, der kein Wasser hat. Alles kann der Gärtner/die Gärtnerin, jäten, kurbeln, schleppen – aber Wasser machen kann er/sie nicht. (Wenn es sich einmal so verhält, sagt die strenge Mystikerin Teresa, dann geht spazieren, oder sucht das Gespräch ...)
Da ist auch Routine, Regelmäßigkeit, Stärke des Strichs. Da ist der Fluss, der mitreißt, aber auch das Schleppen erspart. Da ist Aufblühendes, Organisches, an dem der Eigner des Gartens seine Freude hat. Und da ist schließlich – que regalo! – Wolkenbruchartiges, der Goldregen, der Regen von oben (das Sterntaler-Märchen und der Danae-Mythos drängen sich auf), die Erfahrung des Geschenks und des Beschenktwerdens.
Am Ende, (wenn das „vierte Wasser“ in seiner ganzen Fülle und Schrecklichkeit fließt) ist der Gärtner zum Bürgermeister geworden, zum Festungshauptmann, zum alcalde, der dann – erst dann, sagt Teresa , niemand soll lehren, bevor er erfahren ist – das Recht hat, sich um den spirituellen und anderen Fortschritt anderer zu sorgen.
Dios falda alla teirra: Gott fehlt der Erde so bitterlich, sagt Teresa in einem ihrer Gedichte, eigentlich Gesänge . Wer sich einlässt auf Dios (Teresas Großvater hätte noch das unaussprechbare יהוה geschrieben), der merkt es.
Kunst hält es fest in weiblicher Solidarität – Zeichen auf dem Papier. Gewissenhafte Bewegung – Zeichen inneren Lebens.

Das Beste an der Mystik ist die Landung, das wieder-fest–auf-den-Boden-kommen, hat es eingangs geheißen. Was haben Spiritualität und Innerlichkeit mit den Anforderungen des postindustriellen, elektronischen Zeitalters, mit mir, mit uns zu tun?
Ich darf mit einem Ausruf aus der Vida der Teresa de Jesús schließen (cap. XX, da ist der Gärtner schon Alkalde und der Regen der Gottesgegenwart rauscht: „Con que amistad se tratarían todos si faltase interés de honra y de dineros!“ Das ist das erste, was der Mystikerin einfällt nach der Ekstase: „Mit welcher Freundlichkeit würden alle miteinander umgehen, wenn der Drang nach Ansehen und Geldgier nicht da wären.“ – Ruft die Verzückte, die Ekstatikerin. Der Garten der Seele ist kein „frommes“, schönes, vielleicht ein bisschen schiefes Bild. Der Weg des Herzensgebets heilt von Ehrsucht und Geldsucht, de l’apreté au gain.
Wo die Mystik fehlt, fehlt es auch im Sozialen.
Und Mystik kann keine Theorie vermitteln. Man kann sie nicht lehren, trotz des manchmal pädagogischen Anscheins gerade mystischer Schriften. Man kann sie nicht beweisen, auch nicht durch radikalste Philosophie. Man kann höchstens auf sie verwiesen. Sie zeigt sich, oder sie ist nicht – siehe Wittgenstein, der wahrhaftig Konsequenzen gezogen hat. Siehe die kleinen alltäglichen Bilder der Margit Krismer aus Meiningen in Vorarlberg.

Gehalten bei der Eröffnung im Theater am Saumarkt, Feldkirch, 4.12.05


Lieder der Seele

En una noche oscura,
con ansias, en amores inflamada.
¡ o dichosa ventura,
salí sin ser notada

 

„In einer dunklen Nacht …“ – das Vorbild schon, shir h-shirim asher li-Shlomo, das biblische Liebeslied aller Liebeslieder, Salomon in den Mund gelegt, ist ein Rätsel der Erotik, der Hingabe und Sehnsucht, von Durst und Sättigung, reines „Es ist, was es ist“ (Erich Fried), für manche auch Wahrnehmung, Erfahrung Gottes, den „nur zu nennen kein Mensch würdig“ ist, wie sich Franz von Assisi ausgedrückt hat (was nichts daran ändert, dass wir, Gläubige wie Kirchenkritiker und vor allem Theologen, es immer wieder schamlos tun).


Juan de Yepes Alvarze (1541 – 1591) hat den Ton erneut angeschlagen, in seinem von Jahrhunderten arabischer Poesie getränkten Spanisch: In einer dunklen Nacht. Ein Wunder allein schon die Reimfolge. Der Erklärung der acht Strophen hat der unbeschuhte Karmelit einen beträchtlichen Teil seiner Lebenszeit gewidmet. Im Internet findet man ihn als Juan de la Cruz, unter Heilige der katholischen Kirche. Zu Heiligen wurden sie erklärt, gemacht, wenn man will, aber viele von ihnen, wenn nicht die meisten, werden es tatsächlich gewesen sein, in ihrem Innersten, das wir selbst nicht kennen, , nur Gott, um die erschreckende und tröstliche Formel des Begräbnisrituals zu gebrauchen. Auch unter dem Stichwort Kirchen- und Ordensreformer findet man ihn (als solcher musste er acht Monate lang um sein Leben fürchten, eingekerkert in einem – Klosett). Er war Freund und Weggefährte der Teresa von Avila. Viele kennen ihn auch als Mystiker. Um zu verhindern, dass sich der Geruch des Esoterischen an seine verdichtete Erfahrung legt, schrieb er zwei Auslegungen, Besteigung des Berges Karmel (45 Kapitel Prosa) und Dunkle Nacht (25 Kapitel Prosa).

Dieser Heilige, dieser Mensch, der sein Leben in der Hand hatte und aus der Hand gab, ist offiziell ein Kirchenlehrer – aber wo sind die SchülerInnen? In Vorarlberg gibt es eine, Margit Krismer aus Meiningen. Kennern ist ihr keineswegs naives Werk bekannt, sie hat Kunstgeschichte studiert, ihre Magisterarbeit ist das Werkverzeichnis samt Biographie des Radierers Armin Pramstaller, erschienen 2004. Seit Jahrzehnten antwortet sie auf Juan de la Cruz und Teresa von Avila mit Pinsel und Tusche, so entstand Bildwelt, auf den ersten Blick dunkel und abstrakt, die Erklärung gut verträgt.

Liebende nehmen Juans „Lied der Seele“, in dem der „Zedernwind weht“ und die „Geliebte in den Geliebten verwandelt“ wird, seit je gern wörtlich, so wie Theologen seit je keine Skrupel haben, das „Lied der Lieder“ nicht wörtlich, sondern spirituell zu deuten. Vereinnahmungen? – Eher wohl Erweis von dichterischer Qualität. Sie hat Margit Krismer zu einem Werk inspiriert, von dem eine Auswahl ab 21. Mai im Pfarrzentrum Altach zu sehen ist. Anlass: die (12.) Altacher Orgelsoiree mit Nacht-Liedern, gesungen von Martina Gmeinder, an der Orgel begleitet von Jürgen Natter.

Willibald Feinig